Germain Derocles– Ein Leben in Valousset

Valousset war in den 1980er Jahren nur noch von wenigen Menschen bewohnt. In Valousset-Bas, dem eigentlichen Dorf, waren zwei Häuser bewohnt – die anderen standen leer, Dächer stürzten ein. Die "weiter oben" am Hang gebauten Häuser waren schon früher an Fremde verkauft – hier lebte auch in den 1980ern schon niemand mehr, der hier geboren worden war. Die Holländer und Belgier hatten die Region als Feriengebiet entdeckt und kauften die spottbilligen, teilweise heruntergekommenen Häuser auf. Heute leben von der einstigen Bevölkerung nur noch das Ehepaar Brun und die alte Madame Rocles in Valousset, alle anderen Häuser – bis auf eines – haben neue Besitzer gefunden. Die meisten kommen nur in den Ferien oder an den Wochenenden, aber alle haben ihre Häuser liebevoll restauriert. Holländer, Franzosen, Belgier und Deutsche machen Ferien - nebeneinander. In den Orten der Umgebung sieht es ähnlich aus, wenn hier vielleicht auch noch mehr Einheimische als im kleinen Valousset geblieben sind.

Dorfleben in Valousset
Der ehemalige Besitzer unseres Hauses, Germain Derocles, hat in den 1970er Jahren im Alter von 65 Jahren der Nachbarstochter vom vergangenen Dorfleben in Valousset erzählt, und diese hat seine Erzählung – und die Erzählungen zweier anderer Dorfbewohner - für die Schule aufgeschrieben. Germain ist 1992 gestorben; das Haus der Familie Derocles wurde, nachdem es einige Zeit leer gestanden hatte, 1993 an uns verkauft. Erst in den späten 80er Jahren hatte sich Germain Derocles eine Stromleitung und eine Toilette mit fließendem Wasser geleistet; ansonsten schien bis zur Renovierung im Haus die Zeit seit der Jahrhundertwende stehengeblieben zu sein. Alles, was er im Haus beschreibt – die Magnanerie, die Holzschuhe, die Körbe, der "schwarze Raum" mit dem Waschtrog in der Wand – ist noch da. Nur die Wanduhr im Schlafzimmer seiner Eltern war in der Zwischenzeit verkauft worden. Aber der Platz, den sie jahrzehntelang eingenommen hatte, war an der Wand noch zu sehen...


Hier die Übertragung der französischen Schularbeit ins Deutsche:


Germain Derocles, 65 Jahre, pensionierter Bauer und unverheiratet, lebt mit seinem Bruder Aimé in zwei riesigen Häusern. Das einzige Mal in seinem Leben, das Germain weiter weg von Valousset gekommen ist als bis zur nächsten Stadt, war, als er in Österreich in die Gefangenschaft gekommen ist. Diese Erfahrung, vier Jahre weg von seinem Dorf zu sein, hat ihm eine gewisse Lebensweisheit vermittelt, und nichts aus jener Zeit hat er je wieder vergessen. Seine Eltern waren in ihren Ansichten sehr beschränkt (wie er fand), und so waren sein Bruder und er in einer systematischen Ablehnung alles Neuen erzogen worden. Zum Beispiel wollte der Vater von Germain und Aimé nicht, daß Germain Autofahren lernt, und heute, wo Aimé ernsthaft erkrankt ist und es kein einziges Transportmittel in der Gemeinde gibt, ist er abhängig vom guten Willen hilfsbereiter Bauern, wenn er in die Stadt muß.
Germain ist der einzige weit und breit, der sich nicht um die Sommerzeit kümmert, so wie er auch der einzige ist, der keinen elektrischen Strom hat – das macht ihm alles nichts aus. Die Sparsamkeit ist in den Menschen tief verwurzelt; nie wird man die alten Leute hier anders als auf einem Holzfeuer kochen sehen, und ihr Wohnraum bekommt sein Licht von einer 20-Watt-Birne. Der Lebensmittelhändler hat uns gesagt, diese hier benutzten Lampen bekäme man nur noch in der Ardèche. Die Leute sind aber nicht geizig, nur sehr sparsam. Sie sind freigiebig und teilen großmütig. Manchen Fortschritt haben aber auch die Älteren mit der Zeit akzeptiert: als ersten Schritt ließen sie meist fließendes Wasser bis ihren Häusern legen. Wenn sie älter wurden und nicht mehr zum fünf Kilometer entfernten Dorf gehen konnten, um ihre Wäsche zu waschen, kauften manche sogar eine Waschmaschine.

Germain erzählt:

"Oh, der Berg hat sich völlig verändert. Als wir jung waren, war das Dorf noch nicht so tot wie jetzt. Die Holzschuhe klapperten auf dem Kopfsteinpflaster und hallten von den hölzernen Fußböden; man hörte überall die Stimmen von Menschen und von Tieren, ja wirklich, das Dorf lebte noch... Jetzt gibt es nur noch 17 Menschen, wo es doch früher ungefähr hundert waren. Jeder lebte von den Produkten seines Landes, und diejenigen, die kein Land hatten, waren sehr arm und lebten als arme Schlucker. Sie arbeiteten mühevoll für andere, und wenn sie dazu nicht mehr in der Lage waren, lebten sie von der Barmherzigkeit anderer - falls sie keine Kinder hatten, die sich um sie kümmerten... Wir haben Familien gekannt, höher in den Bergen, die so arm waren, daß sie nicht einmal Betten hatten, um darin zu schlafen. Sie schliefen auf Gras oder auf Farnstreu. Das war wirklich elende Armut. Zum Glück hatten die meisten Menschen irgendetwas, wovon sie karg, aber anständig leben konnten.
Der Berg war in dieser Zeit noch gut versorgt; man muß sich vorstellen, daß jeder Grashalm seinen Platz hatte; kein einziger Brombeerstrauch hatte Zeit oder Platz zu wachsen. Auf den Hügeln des Bergs waren Äcker angelegt, Terrassen (Faisses), die durch Steinmauern gestützt wurden – Steine, die unsere Vorfahren aus den großen Felsen zu brechen wußten. Sie bauten wahre Meisterwerke, völlig ohne Zement. Jede Terrasse wurde mit der nächsten durch kleine Treppen von höchstens 30 oder 40 Zentimetern Breite – um Platz zu sparen – verbunden. Zu dicke Menschen mußten sie seitlich herauf- oder heruntergehen, aber zu dicke Menschen gab es zu dieser Zeit auch nicht viele.
Jedes Stückchen boden hatte seine Bestimmung, nichts lag brach, wenn es nicht zwingende Gründe dafür gab. Jeder Baum wurde auf eine Stelle gepflanzt, über die man lange nachgedacht hatte: Mit Vorliebe an den Rand der Faisses, um den Ackerbau nicht zu behindern. Daß das Pflücken der Früchte dadurch nicht einfacher wurde, nahm man in Kauf.
In den Feldern war damals kein Ginster und kein Farn zu sehen, während heute alles erstickt und die Wege überwuchern, so daß man ohne Baummesser gar nicht mehr durchkommt. Früher holte man diese Pflanzen hoch oben von den Bergweiden und mußte sogar dafür bezahlen. Aus Farn wurden Matratzen gemacht, Ginster brauchte man, um Feuer anzumachen, Licht zu geben oder Besen herzustellen. Bei uns zuhause steckte meine Mutter einen Ginsterzweig an, wenn sie des Abends die Suppe auftrug, und wir mußten unsere vollen Teller leer essen, bevor der Ginsterzweig heruntergebrannt war – ansonsten mußte man alleine im Dunkeln beim Schein des Feuers weiteressen, oder aber den Rest der Suppe bis zum folgenden Morgen stehenlassen. Das heißt Sparen! Ginster war für die Beleuchtung nicht zu teuer, Öl aber wohl!

Die Arbeit als Fuhrmann
Mein Vater arbeitete als Fuhrmann für das Dorf. Er stand morgens um vier Uhr auf und zog mit den Mauleseln Richtung Largentière. Weil es bis zu unserem Dorf noch keinen Weg gab, ließ er den Wagen immer in unserer großen Scheune am Wegrand drei Kilometer vor dem Dorf zurück, das war dann der Endpunkt. Von da aus mußten die Waren auf dem Rücken eines Maultieres transportiert werden – für die, die es sich leisten konnten, oder auf dem Rücken eines Menschen, für die Allerärmsten. Aus unserem Dorf brachte mein Vater die wenigen Waren weg, die wir verkaufen konnten – ein bißchen Mehl, Wein, Gemüse, Geflügel oder Schweine, die einige Dorfbewohner zum Verkaufen mästeten. Aus der Stadt brachte er Produkte mit, die wir im Dorf nicht selbst herstellen konnten und die wir früher oder später doch kaufen mußten. Die wichtigste Fracht bestand aus verschiedensten Baumaterialien. Manchmal nahm er auch Passagiere mit, aber man durfte es nicht eilig haben, denn er hielt bei jeder kleinen Kneipe unterwegs an (und das waren so ungefähr fünfzehn), auf dem Hinweg ebenso wie auf dem Rückweg, einmal, um zu sehen, ob es etwas für ihn zu tun gäbe, aber auch, weil er unmöglich vorbeifahren konnte, ohne zu halten und ein "canon" (ein Gläschen) zu trinken. Es kam sogar vor, daß er den ganzen Tag schwer gearbeitet hatte und im Dunkeln nach Hause kam, und alles, was er verdient hatte, war vertrunken. Aber es zwangen ihn auch die Umstände dazu, es ging nicht anders, wenn man es jedem recht machen wollte.

Arbeit auf dem Hof
In all dieser Zeit arbeitete meine Mutter hart auf dem Bauernhof, und wir halfen ihr, so gut wir konnten. Aber obwohl wir einen der größten Bauernhöfe der Gegend hatten, waren wir nicht reich. Wir, die Söhne, wollten nicht so wie unser Vater Fuhrmann werden, und so haben wir uns Ziegen und Schafe zugelegt. Mein Bruder war der Hirte und ich arbeitete mehr auf den Äckern.

Ein Hirte für alle

Wir hatten ungefähr hundert Tiere, die jeden Tag gehütet werden mußten. Mein Bruder liebte es, mit den Tieren unterwegs zu sein, und er ist sehr früh von der Schule abgegangen, um nur für die Tiere da zu sein. Wir machten nicht mit bei dem Weidesystem des Dorfes, wo abwechselnd gehütet wurde – dazu hatten wir selbst zu viele Tiere. Aber das System war so interessant, daß ich Euch davon erzählen werde:
In der Zeit, als es noch viele Schafe im Dorf gab, hatten wir einen Hirten, der sie nach oben auf die Weiden brachte, um dort zu "übersommern". Wenn die Herde loszog oder auch zurückkam, war das jedes Mal ein prächtiges Schauspiel. Alle Menschen aus dem Dorf brachten ihre Tiere zum steinernen Kreuz am Ende meines Weges. Jeder hatte die schönsten Tiere mit Wolle und roter Farbe geschmückt. Man hing ihnen auch Glocken um. Manche Familien hatten mehr als fünfzig Glocken – das war unsere Art von Luxus. Es gab nichts Schöneres, als zu sehen, wie diese Herde, so um die 1000 bis 2000 Tiere, sich in Bewegung setzte. Der Hirte blieb oben, bis der erste Frost einsetzte. Die Jüngeren aus dem Dorf brachten ihm abwechselnd sein Essen, oft barfuß, denn mit Holzschuhen läßt sich nicht gut klettern, und die guten Schuhe durften nicht verschlissen werden.
Als im Dorf immer weniger und immer ältere Menschen wohnten, wollten sie keinen Hirten mehr für ihre Tiere bezahlen. Da hat dann von jeder Familie einer jweils abwechselnd das Hirtenamt übernommen. Wenn der diensttuende Hirte ein Signal hören ließ – er blies auf einem Kuhhorn – dann verließen alle Ziegen ihre Ställe und versammelten sich auf dem Dorfplatz, begleitet vom Geblaff der Hunde. Dieses rundum gehende Hirtenamt funktionierte in unserem Dorf so gut, weil hier die Menschen gut miteinander umgingen. Es gab viel Nachbarschaftshilfe. Wir haben immer noch ein System, das Städter nur erstaunen lassen kann: Wir haben z.B. einen Maulesel nur zur Hälfte oder zu einem Drittel. Warum sollten wir pro Familie ein Maultier haben, wenn man es genausogut mit einer oder zwei Familien teilen kann? Wir brauchen es ja nicht ständig, und so werden die Kosten vermindert. Heute noch hat das Dorf ein halbes Maultier. So könnt ihr die Menschen hier auch darüber reden hören, daß sie ein halbes Schwein schlachten, was Städter sicher sehr komisch finden. Aber die meisten Menschen sind hier jetzt zu alt, um in einem Jahr ein ganzes Schwein zu essen, darum tun sie sich mit einem Nachbarn zusammen.


Schuhe – ein großer Luxus
Zur Messe am Sonntag mußte man reihum gehen, weil es pro Familie nur ein oder zwei Paar Lederschuhe gab, und in Holzschuhen zur Messe zu gehen, das machte man nicht. Darum wurden die Schuhe von einem Bruder zum nächsten gegeben, ob sie nun zu groß oder zu klein waren, das machte nichts – Hauptsache, man hatte Schuhe an den Füßen. Die Holzschuhmacher hatten viel Arbeit, denn jeder lief auf Holzschuhen herum, und bei den steinigen Wegen gingen die Schuhe schnell kaputt.
Die Menschen hier waren so sparsam, daß sie mit allem aufpaßten. Niemals wurde ein Paar Lederschuhe weggeworfen, denn das Leder war noch für irgendetwas zu gebrauchen: für ein Werkzeug, einen Lappen, ein Verbindungsstück von einem Dreschflegel oder irgendetwas anderes.
Brillen wurden von Generation zu Generation weitergegeben, denn um eine Brille zu bekommen, mußte man in die Stadt, und das war eine richtige Expedition. Außerdem mußte man auch noch den Doktor oder Optiker bezahlen, und das war oft unmöglich. So wurden die Brillen vom Vater an den Sohn, von der Mutter an die Tochter weitergegeben. Nicht alle Probleme konnten so gelöst werden – weit entfernt –, aber manchmal ging es doch irgendwie. Auch ich benutze noch bis auf den heutigen Tag die Brille meines armen Vaters.

Große Wäsche
Meine Mutter machte im Sommer jeden Monat großen Wäsche, im Winter alle zwei oder drei Monate. Man mußte einen schönen Tag abwarten, denn die Wäsche wurde in den Fluß gelegt. Die Frauen trugen die Wäsche in großen Körben, und die Männer holten sie mit den Mauleseln ab. Man wusch mit Holzasche aus dem Herdfeuer. Die Asche mußte zuerst gesiebt werden, damit keine Reste von Holzkohle oder Erde darin saß. Dann wurde sie ein erstes Mal gekocht, ich weiß nicht, mit welchen anderen Zutaten. Anschließend wurde die weiße Wäsche damit gekocht. Es war schwere Arbeit, vor allem weil damals unsere Laken aus Leinen waren, also sehr schwer, wenn sie naß waren.
Wir haben hinter unserer Küche einen sogenannten tryglodytischen Raum mit einem ausgebauten Waschtrog wie von Höhlenbewohnern. Dieser Teil des Hauses stammt sicher aus dem Mittelalter oder aus noch früherer Zeit. Ich habe nur einmal gesehen, daß der Waschtrog gebraucht wurde, als meine Mutter einmal ausprobieren wollte, ob er noch zu benutzen war. Das Becken ist direkt aus dem Fels herausgehauen und ist 50 x 50 x 50 cm groß. Es muß eine fürchterliche Arbeit gewesen sein, so etwas aus dem Granit herauszuhauen. An der Unterkante ist eine breite Rinne, und an den schwarzen Rändern kann man sehen, daß da glühende Holzkohle reingelegt wurde, um das Wasser in dem Waschtrog warm zu machen. Leider könnt Ihr davon kein Foto machen, denn alles in dieser Höhle ist schwarz aus früheren Zeiten.
Meine Mutter wusch mit Asche, aber die Wäsche wurde genauso sauber wie heutzutage, wenn nicht sauberer, aber was kostete es für eine Mühe, ein gutes Ergebnis zu bekommen! Die Frauen legten die Wäsche auf die Wiesen zum Trocknen und mußten aufpassen, daß kein Regen darauf fiel, und auch darauf, daß die Wäsche nicht zu trocken wurde. Es gab noch keine elektrischen Bügeleisen, und das Bügeln mit Eisen, die auf Holzkohle erhitzt wurden, war eine richtige Zeremonie.


Brot und Suppe
Brot wurde bei uns alle vierzehn Tage gebacken. Wir hatten unser eigenes Backhaus, aber im Dorf unten war nur ein Backofen für alle. Der Tag, an dem Brot gebacken wurde, war immer ein Ereignis. Im Ofen mußte sehr früh Feuer gemacht werden, damit alle Brote für zwei Wochen gebacken werden konnten. Das Brot war unsere Grundnahrung. Die Frauen benutzten den Backofen außerdem, um Kuchen oder andere Leckereien zu backen. Es konnte passieren, daß der Ofen zu früh ausging, und weil man kein Holz verschwenden wollte, waren die Backwaren dann eben nicht ganz durchgebacken.Wir aßen vor allem Suppe, morgens, mittags, abends. Das war eine Bouillon, die man auf eine dicke Scheibe Brot goß. Manchmal wurde "bonbine" gemacht, das waren Kastanien in Milch oder Wein gekocht. In die Suppe kamen Graupen, Porree, große Stücke Speck und Gemüse der jeweiligen Jahreszeit.
Wir aßen auch Brot mit Speck und selbstgemachten Ziegenkäse, so sparten wir viel Geld. Getrunken haben wir nur den Wein aus unserem eigenen Weingarten, den "Clinton" von unveredelten Rebstöcken, mit einem ganz besonderen Geschmack. Man war der Meinung, daß Wasser unbekömmlich sei.
Fleisch aßen wir nur bei ganz besonderen Gelegenheiten, obwohl wir Schafe und Ziegen besaßen. Oder es mußte ein Tier geschlachtet werden, weil es sich ein Bein gebrochen hatte. Einmal im Jahr gab es auch einen Hahn, aber es brauchte einen besonderen Anlaß, wie auch bei Kaninchen und Hühnern. Oft gingen wir zur Schule und hatten nur ein Stück Ziegenkäse, ein Stück Brot und ein paar gekochte Kastanien bei uns.

Kastanienernte

In der Zeit der Kastanienernte war unser Haus voller Fröhlichkeit, denn meine Eltern beschäftigten dann Menschen von der Hochebene, die noch ärmer waren als wir. Mädchen und Jungs kamen, um Kastanien zu sammeln und von den Schalen zu befreien. Sie schliefen im Heuschober, und abends war es sehr gemütlich und lustig. Auf Hochzeiten lief es trotzdem nicht oft hinaus, weil man die "pagels" (Menschen von der Hochebene) für rückständiges Volk hielt. Heute denkt man dies von uns.

Die Seidenraupenzucht
Eine wichtige Einkunftsquelle war die Seidenraupenzucht. Diese fand in fast allen Häusern in einem besonderen Zimmer statt, das "Magnanerie" hieß. Seidenraupen sind nicht leicht zu züchten, da sie schon kleinsten Temperaturschwankungen gegenüber sehr empfindlich sind. Deshalb legten die Frauen die Eier in Leinensäckchen und trugen diese ein paar Wochen lang Tag und Nacht zwischen ihren Brüsten, bis die Raupen schlüpften. Von diesem Augenblick an wurden die Raupen in Stellagen auf frische Maulbeerblätter gesetzt und ernährten sich davon. Das Zimmer hatte in jeder Ecke eine Feuerstelle, und man mußte gut auf das Feuer aufpassen, vor allem nachts, damit es immer zwischen 18 und 20 Grad warm blieb. Wenn die Kokons fertig ausgebildet waren, wurden sie an eine Seidenspinnerei verkauft. Dorthin gingen auch die Mädchen aus dem Dorf, um zu arbeiten.
Die ganze Gegend war bepflanzt mit Maulbeerbäumen: die Blätter wurde als Futter für die Seidenraupen, aber auch als Trockenfutter für andere Tiere im Winter genutzt. Dann breitete sich eine Krankheit unter den Maulbeerbäumen aus, und so sind heute kaum noch Bäume übrig geblieben – dies war der Beginn des Niedergangs der Seidenraupenzucht.
Das Züchten von Seidenraupen war sehr mühsam, mit mancher Brut glückte es, mit anderer nicht – warum, wußte man nicht genau. Wenn alles gut ging, war es ein schöner Verdienst."
(Germain zeigte seine Magnanerie, die noch gut erhalten ist. In den Ecken sind drei Feuerstellen, und in der Mitte des Zimmers sind Gestelle, durch Pfeiler gestützt, die bis zur Decke reichen.)

Feste

Wenn es Feste gab oder Kirmes auf der anderen Seite des Berges oder auf dem Plateau, dann standen wir um zwei oder drei Uhr morgens auf und zogen mit Laternen los, denn oft mußte man 20 Kilometer hinlaufen und dieselbe Strecke ja auch wieder zurück. Es war anstrengend, aber wir machten es gerne: wir gingen in Gruppen junger Leute, und fern vom elterlichen Haus konnte man viel Vergnügen haben... Manchmal kamen wir am folgenden Abend zurück, manchmal am folgenden Morgen. Unsere Eltern sagten nichts dazu.

Kleidung

Kleidung war auf das Äußerste beschränkt; wir hatten eine Garnitur Kleider für die Woche und eine für sonntags, um zur Kirche zu gehen oder für Festtage. Der Hochzeitsanzug mußte reichlich zugeschnitten sein, denn er mußte bis zum Tode getragen werden. Nachts schliefen wir in demselben Hemd, das wir über Tag trugen, es hatte lange Schöße. Pyjamas gab es zu dieser Zeit nicht. Strümpfe wurden zuhause aus der Wolle unserer eigenen Schafe gestrickt. Es waren sehr warme lange unverschleißbare Strümpfe, die die Frauen beim Ziegenhüten strickten. Wir haben hier im Dorf nie Regenjacken gehabt – wir gebrauchten Kastaniensäcke aus Jute. Wir trennten eine Seitenkante auf und stülpten sie über unseren Kopf, wie die Weihnachtsmänner. Das ist praktisch, denn man kann seine Arme besser bewegen. Es ist natürlich nicht besonders regendicht, aber man kann sich doch helfen.
Wir hatten keine Armbanduhren oder Wecker, nur eine große Standuhr im Zimmer meiner Eltern. Wenn wir draußen waren, lebten wir nach dem Rhythmus der Natur: An der anderen Seite, am Anstieg des Berges, steht ein Felsen, darauf fällt um 12 Uhr mittags das Sonnenlicht – das war das einzige, was man wissen mußte. Man stand auf, wenn der Hahn kräht, ißt seine Suppe bei Sonnenuntergang und mittags guckte man nach dem Felsen."

Woher die Möbel kamen
Alle wichtigen Lebensbedürfnisse wurden im Dorf erfüllt, entweder zuhause oder durch kleine Handwerker aus dem Dorf. Wenn man heute bedenkt, daß es hier in Valousset einen Zimmermann gab, einen Schuhmacher, eine Näherin, und in Laboule sogar eine Schneiderin (modiste)! Das war meine Nichte, die konnte sogar davon leben. Alte Menschen saßen abends beim Kaminfeuer, nie ohne etwas zu tun: sie machten ovale Körbe, die so haltbar sind, daß ich noch ein paar habe, die aus der Zeit meines seligen Vaters stammen. Die Körbe wurden einfach für alles gebraucht: für Früchte, Heu, oder das Futter der Tiere, um ein Baby darin schlafen zu lassen, wenn es von seiner Mutter mit aufs Feld genommen wurde, um Mist zu verrühren usw.
Im Dorf wurden auch sehr schöne Stühle gemacht, aus Kastanien-, Kirschen- oder Buchenholz; die geschicktesten machten sogar Lehnstühle. Auch Stuhlgeflechte mußte man herstellen, und Schränke aus Baumstämmen heraushauen – es war einfacher, einen Baum auszuhöhlen (so wie man die Holzschuhe machte), als Bretter zu sägen, weil es dafür nicht das nötige Werkzeug gab; und es war auch weniger teuer. Weil diese Schränke sehr dickwandig waren, hielten sie die Kälte gut fest, und in einen Keller gesetzt, konnten sie als Kühlschrank dienen.


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Wandern, Wein und Traditionen
Uli veranstaltet auch Ardèche-Wanderwochen in Valousset, kleine Gruppen mit 5 bis 6 geführten Wanderungen, Vollpension mit leckeren Menüs "Ardèchoise" incl. Wein, Table d'hôte auf einem Biohof, Besuch in der Grotte Chauvet mit den ältesten Höhlenzeichnungen der Welt. Preis im Doppelzimmer für 8 Tage (7 Übernachtungen) 670 € pro Person. Jetzt kostenlos bestellen: Flyer Ardèchereisen

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